REALTALK 1864
Eine begehbare Rekonstruktion der Frankfurter Judengasse von 1864. Im Browser zugänglich — mit fünf fiktiven, historisch fundierten Figuren, denen Besucher:innen eigene Fragen stellen können.
Immersive Anwendung für das Jüdische Museum Frankfurt.
REALTALK 1864. Besuch uns in der Judengasse!
Die immersive Anwendung basiert auf einer digitalen Rekonstruktion der Frankfurter Judengasse im Jahr 1864.
Nach jahrzehntelangem Kampf haben Juden soeben das Recht erlangt, im Staatsdienst arbeiten und wählen gehen zu können – aber ihre gesellschaftliche Teilhabe und berufliche Chancengleichheit sind noch lange nicht durchgesetzt. REALTALK 1864 führt mitten hinein in die Gasse, auf der der Umbruch spürbar ist.
Die immersive Anwendung lädt zu Begegnungen mit fünf virtuellen Charakteren ein, die Hoffnungen und Sorgen angesichts der neuen Situation haben. Alle Charaktere verfügen über eine Künstliche Intelligenz, die auf historischen Quellen basiert. Wie gestalten sie ihr Leben in der Judengasse? Was sind ihre Pläne im Jahr des Umbruchs? Und was bedeutet Gleichberechtigung im Alltag?
LEBENSNAH
Jüdische Geschichte als Alltags- und Emanzipationsgeschichte.
Die Frankfurter Judengasse war über Jahrhunderte eine bedeutende Nachbarschaft und ein europaweit bekanntes Zentrum jüdischer Kultur und Gelehrsamkeit. Heute ist sie praktisch aus dem Stadtbild verschwunden.
REALTALK 1864 macht jüdischen Alltag, gesellschaftliche Vielfalt und politische Emanzipation im 19. Jahrhundert als Teil der Frankfurter Kultur und Stadtgeschichte wieder erlebbar.
Die rekonstruierte Judengasse als belebter Alltagsschauplatz des Jahres 1864.
Motor der Erzählung:
Historischer Moment voller Energie und Wiedersprüche
1864: Aufbruchstimmung und fortbestehende Grenzen.
1864 erlangten die Frankfurter Juden nach jahrzehntelangem Kampf die vollständige rechtliche Gleichstellung. Doch neue Rechte bedeuteten noch keine gesellschaftliche Gleichheit: Herkunft, Religion, Vermögen und Geschlecht bestimmten weiterhin die Handlungsspielräume.
Diese Spannung macht das Jahr zu einem Moment voller Aufbruch und Widersprüche, die die Biografien prägten. Wer darf welchen Beruf ausüben? Wer gehört zur Stadtgesellschaft? Wie prägen Familie, Religion oder Migration den eigenen Lebensweg? Die Lebensfragen von damals sind erstaunlich gegenwärtig.
Für die Augen und Ohren von Heute
Das Format und die Fragestellungen sind aktuell
REALTALK 1864 übersetzt diese Geschichte in eine offene, gameartige Welt, die an vertraute digitale Medien einer jungen Zielgruppe anknüpft. Statt allen dieselbe lineare Geschichte zu erzählen, beginnt das Format mit den Fragen der Besucher:innen: Story-Asking statt Storytelling.
In der rekonstruierten Judengasse sprechen sie in verständlicher Sprache mit fünf fiktiven, quellenbasierten Figuren. Diese antworten, bringen aber auch eigene Perspektiven und Themen ein und behalten den historischen Faden in der Hand. Ihre Lebenssituationen bieten Anknüpfungs- und Projektionsflächen für eigene Fragen. So entstehen persönliche Gesprächswege, ohne dass die historische Distanz oder die Botschaft verloren gehen.
Blick in die Gasse
Im Gespräch mit Moritz Demmel
„Anstatt Geschichte in Form von vorproduzierten Geschichten passiv kennen zu lernen, werden sie bei der Nutzung von REALTALK 1864 selbst aktiv.“
— Prof. Dr. Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt
Fünf fiktive Figuren auf historischer Grundlage.
Die fünf Gesprächspartner:innen sind keine rekonstruierten historischen Persönlichkeiten. Ihre Biografien wurden als fiktive, quellenbasierte Figuren entwickelt. Vier der fünf Figuren sind jüdisch. Jede steht für eine belegte soziale Position und öffnet einen anderen Zugang zum Frankfurt des Jahres 1864.
Zur Entstehung der Charaktere
Fünf Figuren aus 3.000 Biografien.
Aus einer Personendatenbank mit rund 3.000 historisch dokumentierten Menschen entwickelten das Jüdische Museum und eine Drehbuchautorin fünf verdichtete Charaktere – mit genug Stoff für eine ganze Fernsehserie.
Das Team überführte die wissenschaftliche Arbeit in kuratierte Wissensräume: eine gemeinsame Knowledge Base zur Judengasse und jeweils eine spezifische zur Biografie der Figur.
NSYNK übersetzte Persönlichkeit, Haltung und Grenzen in System-Prompts. Ein agentischer Testworkflow härtete sie für unterschiedliche Situationen – von Low-Signal-Personas über Tiefenfragen bis zum Red Team.
Die Figuren bewegen sich innerhalb einer quellenbasierten historischen Umgebung.
Die visuelle Übersetzung
Vom Architekturmodell zur Lebenswelt.
Die wissenschaftliche Rekonstruktion von Architectura Virtualis bestimmte präzise, wo Gebäude, Fenster und Straßen verliefen. Sie beantwortete jedoch noch nicht, wie sich diese Welt anfühlen und mit den stilisierten Figuren zu einem gemeinsamen Bild verbinden sollte.
NSYNK übersetzte deshalb Reiffensteins Bildsprache in ein gestalterisches System: Aquarellflächen, Bleistiftkonturen, seine charakteristische Farbpalette und die Unregelmäßigkeiten der Handzeichnung. Die Fassaden wurden einzeln abgewickelt und mithilfe einer eigens entwickelten KI-Pipeline neu interpretiert.
Dabei entstand kein automatischer Filter. Jedes Ergebnis wurde mit historischen Quellen abgeglichen, manuell überarbeitet und in die dreidimensionale Welt zurückgeführt. So verbindet das Environment die Genauigkeit des Architekturmodells mit der Offenheit einer Zeichnung – konsistent aus jeder Perspektive und in Echtzeit begehbar.
Historische Quellen und die geprüfte Architekturrekonstruktion bildeten die räumliche Grundlage.
Das farbcodierte Gebäudemodell macht Aufbau und Materialzonen der Rekonstruktion nachvollziehbar.
Architekturrekonstruktion
Props & Dekoration
Leben einhauchen
Eine Straße entsteht aus tausend Details.
Gebäude allein ergeben noch keine Nachbarschaft. Erst die Spuren des Alltags machen sichtbar, wie dicht die Judengasse bewohnt, genutzt und belebt war. Läden und Waren, Markisen, Pflanzen, Wäsche, Kleidung und Gebrauchsspuren wurden quellenbasiert entwickelt und gemeinsam mit dem Museum geprüft.
Jedes Detail musste historisch plausibel sein und sich zugleich selbstverständlich in die stilisierte Welt einfügen. Hinzu kamen Licht, Atmosphäre, Passant:innen und die fünf Gesprächsfiguren. Nicht ein einzelner Effekt erweckt die Judengasse zum Leben, sondern die Dichte vieler aufeinander abgestimmter Beobachtungen. So wurde aus einem wissenschaftlichen Architekturmodell eine begehbare Lebenswelt.
Zwei Zugänge zu derselben historischen Welt.
Im Browser
Die Web-Anwendung wird in Echtzeit aus der Cloud gestreamt und läuft ohne Installation auf Geräten mit stabiler Internetverbindung. Sie ist kostenfrei über die Website des Jüdischen Museums Frankfurt zugänglich und kann im Unterricht, zu Hause oder zur Vor- und Nachbereitung eines Museumsbesuchs genutzt werden.
Im Goldenen Apfel
Im historischen Gewölbekeller „Goldener Apfel“ am nördlichen Ende der ehemaligen Judengasse begegnen Besucher:innen Josef Löwy als rund zwei Meter großer Figur. Die ortsbezogene Installation verbindet die digitale Rekonstruktion mit einem erhaltenen Raum des historischen Quartiers.
Credits
REALTALK 1864. Besuch uns in der Judengasse!
Jüdisches Museum Frankfurt (JMF) in Zusammenarbeit mit NSYNK und Smart Lynx
Prof. Dr. Mirjam Wenzel (JMF)
Sven Eigler, Prof. Dr. Mirjam Wenzel (JMF); Tanja Neumann (Smart Lynx)
Vera Bronn, Sven Eigler, Dr. Liane Giemsch, Katja Janitschek, Michael Lenarz, Prof. Dr. Mirjam Wenzel (JMF); Eno Henze, Philipp Thoma, Mohammad Ali Khadem (NSYNK); Tanja Neumann, Stefanie Eisenschenk (Smart Lynx)
Tanja Neumann (Smart Lynx)
Dr. Liane Giemsch, Marion Rossi (JMF); Nikita Feldmann, Sarah Lewke (NSYNK)
Eno Henze (NSYNK)
Philipp Thoma (NSYNK)
Dr.-Ing. Marc Grellert, Egon Heller (Architectura Virtualis)
Michael Lenarz, Katja Janitschek (JMF)
Dmitrii Antropov, Julius Hilbig, Alex Niggemeyer, Vinzenz Reinhardt (NSYNK)
Michael Lenarz (JMF)
Alex Leask, Valerie Vogt, Katrin Hahnemann (NSYNK)
Mohammad Ali Khadem, Katrin Peters (NSYNK)
René Kuhn, Denys Kuznietsov, Georgii Rebrov, Juan Francisco, Lorenz Kühn, Florian Wagner, Lara Meyer, Marika Schepers, Claudio Burtschenko, Miroslav Hlava (NSYNK)
Stefanie Eisenschenk (Smart Lynx)
Vera Bronn, Katja Janitschek, Michael Lenarz (JMF)
Alex Leask, Katrin Hahnemann (NSYNK); Stefanie Eisenschenk (Smart Lynx)
Vera Bronn (JMF)
Rivka Kibel, Sabine Müller, Kai Schmidt (JMF)
Wir bedanken uns für die großzügige Förderung durch das Land Hessen – Hessisches Ministerium für Digitalisierung und Innovation im Programm „Starke Heimat Hessen“.